Fortbildung mit Léon Wurmser: „Doppelte und zerbrochene Wirklichkeit bei traumatischer Erfahrung“ (Veranstaltungsflyer)

Am 21. Juni 2007 führte die Spielzeit am Szondi-Institut in Zürich eine Fortbildungsveranstaltung mit Prof. Dr. Léon Wurmser durch, einem der bedeutendsten Psychoanalytikern unserer Zeit. Seine Schriften zur Psychodynamik von Scham, Schuld, Konflikt und Versöhnung sind Standardwerke der Psychoanalyse. Für sein einflussreiches Schaffen wurde der in Zürich geborene und seit vier Jahrzehnten in den USA tätige Wissenschaftler international mit zahlreichen herausragenden Preisen ausgezeichnet. Umso mehr freute es uns, dass Prof. Wurmser nach zweijährigen Bemühungen auf seiner Vortragsreise durch Europa die Zeit für diese Fortbildung in Zürich fand.

Zu Beginn seiner Ausführungen berichtete Prof. Wurmser über persönlichen Beweggründe, die ihn zu seiner Arbeit mit schwer traumatisierten Menschen geführt hatten. Dabei wurde deutlich, dass jeder Mensch, neben seiner individuellen Biographie, auch in breite kulturelle und geschichtliche Zusammenhänge eingebettet ist, welche selber Traumata bergen. Prof. Wurmser erinnerte dabei an die Machtübernahme durch das NS-Regimes und zeigte auf, wie die Schatten der Vergangenheit bis in die Gegenwart in der Psyche Einzelner lebendig sind.

Aus psychoanalytischer Sicht können sich die gerade in Krisenzeiten notwendige äussere Anpassung und das innere Erlebnis eines „tiefen Abgrundes“ zu einer innerer Zerrissenheit verdichten, mithin zu einer zerbrochenen Wirklichkeit. Dabei spielt das Gefühl tiefer Scham eine führende Rolle. Wer sich aber schämt, neigt zum Lügen, vielleicht sogar zum Verrat an seinen eigenen Idealen oder an Anderen, womit eine doppelte Wirklichkeit entsteht. In zwei Referaten ging Prof. Wurmser der Psychodynamik der Scham als Ursache von Spaltung, doppelter und zerbrochener Wirklichkeit nach und zeigte, wie Versöhnlichkeit einen heilsamen dritten Weg aus den leidvollen Verstrickungen vermittelt.

Die Veranstaltung bot genügend Raum für Fragen und gegenseitigen Austausch. TeilnehmerInnen verschiedener psychotherapeutischer Richtungen nutzten die Gelegenheit, ihre individuellen Erfahrungen einzubringen und Anregungen für den Dialog mit ihren schwer traumatisierten KlientInnen zu finden. Wir danken Prof. Wurmser herzlich, dass der dies durch seinen Besuch und die eindrücklichen Referate möglich gemacht hat.

Zürich, 11. Juli 2007

Robin Mindell
(Für das Spielzeit-Team)

 
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